Julius von Jan

(1938)

Der Bußruf in der schwäbischen Dorfkirche von Oberlenningen

 

Als Pfarrer Julius von Jan für die Juden eintrat.

 

Es war in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. Überall in Deutschland klirrten Fensterscheiben und brannten Synagogen. Die Feuerwehr griff nicht ein. Jüdische Geschäfte wurden verwüstet und johlend geplündert. Was da ablief, nannte man später die Reichskristallnacht. Braune Kampftruppen der Nazis, Hitlerjugend, SA und SS wüteten gegen alles Jüdische.

Die evangelischen Kirchen begingen eine Woche später ihren traditionellen allgemeinen Bußtag. In einem engen Tal am Rand der Schwäbischen Alb predigte in der alten Dorfkirche von Oberlenningen der Gemeindepfarrer Julius von Jan. Der Predigttext für diesen Tag war Jeremia 22,29: O Land, Land, Land, höre des Herrn Wort!

Viele Prediger meinten, an diesem Tag besser von den schlimmen Übergriffen gegen die Juden schweigen zu müssen, um Schlimmeres zu verhüten. Julius von Jan aber predigte eindeutig und in großer Gewissheit:

Wo ist in Deutschland der Prophet, der wie Jeremia in des Königs Haus geschickt wird, um des Herrn Wort zu sagen? Wo ist der Mann, der im Namen Gottes und der Gerechtigkeit ruft: Tut niemand Gewalt und vergießt nicht unschuldig Blut!

Gott hat solche Männer gesandt. Sie sind entweder im Konzentrationslager oder mundtot gemacht. Die andern sind Lügenprediger, die nur Heil und Sieg rufen können, nicht aber des Herrn Wort verkündigen.

Wir haben die Quittung bekommen auf den großen Abfall von Gott und Christus, auf das organisierte Antichristentum. Die Leidenschaften sind entfesselt, die Gebote Gottes missachtet. Gotteshäuser, die anderen heilig waren, sind ungestraft niedergebrannt worden, das Eigentum der Fremden ist geraubt und zerstört. Männer, die unserem deutschen Volk treu gedient und ihre Pflicht gewissenhaft erfüllt haben, wurden in Konzentrationslager geworfen, bloß weil sie einer anderen Rasse angehören.

Wo ist der Mann, der im Namen Gottes ruft, wie Jeremia seinerzeit gerufen hat: >Haltet Recht und Gerechtigkeit! Errettet den Beraubten von des Frevlers Hand! Schindet nicht Fremdlinge, tut niemand Gewalt an und vergießt nicht unschuldig Blut!<

Wir als Christen sehen, wie dieses Unrecht unser Volk vor Gott belastet und seine Strafe über Deutschland herbeiziehen muss. Denn es steht geschrieben: >Irrt euch nicht. Gott lässt seiner nicht spotten! Was der Mensch sät, das wird er ernten!<

Ja, es ist eine entsetzliche Saat des Hasses, die jetzt ausgesät worden ist. Welch entsetzliche Ernte wird daraus erwachsen, wenn Gott unserem Volk nicht Gnade schenkt zu aufrichtiger Buße !

Wenn wir so von Gottes Gerichten reden, so wissen wir wohl, dass manche denken: >Kann man heute von Gottes Gerichten und Strafen über Deutschland reden, wo es doch sichtbar aufwärts geht? Da sieht man doch Gottes Segen über unserem Volk!< Ja, es waltet eine erstaunliche Geduld und Gnade Gottes über uns. Aber gerade deshalb gilt: >0 Land, Land, Land, höre des Herrn Wort!< Höre jetzt endlich! Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Buße leitet?

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Schon am nächsten Tag hingen am Gartenzaun vor dem Pfarrhaus in Oberlenningen rote Plakate. Darauf stand: Judenknecht!

Acht Tage später sollte Julius von Jan einen Bibelabend in dem Albdorf Schopfloch halten. Ein Freund nahm ihn dazu auf dem Motorrad mit. Der für diesen Abend der Bibelwoche schon lange vorher ausgewählte Abschnitt steht im 1. Petrusbrief 4, 12-13:

Lasst euch durch die Hitze nicht befremden, die euch widerfährt... als widerführe euch etwas Seltsames, sondern freut euch, dass ihr mit Christus leidet ...

Dort holten SA-Männer, ohne sich auszuweisen, Julius von Jan ab. Sie zwangen ihn in ihr Auto hinein und brausten nach Oberlenningen. Im Pfarrhaus war die Tür eingeschlagen, das Haus durchwühlt. Fremde Männer, die auf einem LKW hertransportiert worden waren, fielen über den wehrlosen Pfarrer her und misshandelten ihn schwer. Schließlich warfen sie den Bewusstlosen halbtot aus dem Fenster, wo er auf dem Dach eines Schuppens liegen blieb.

Die schnell herbeigeeilten Nachbarn bargen den schwer Verletzten und brachten ihn ins Krankenhaus. Anschließend hielt man ihn mehrere Monate im Gefängnis in Kirchheim/Teck fest. Immer wieder sangen Gemeindeglieder auf der Straße vor dem Gefängnis mutmachende Lieder des Glaubens. Das war wohl der Grund dafür, dass Pfarrer von Jan ins Gefängnis nach Stuttgart verlegt wurde.

Er sagte später von dieser Gefängniszeit: In meinem ganzen Leben habe ich den Frieden Gottes und seine Gegenwart noch nie so greifbar gespürt wie in der Stunde, da sie mich zusammenschlugen. Christus ist bei den Seinen!

Erst nach fünf Monaten wurde von Jan aus der Untersuchungshaft entlassen. Man erteilte ihm Redeverbot für Württemberg und wies ihn aus. In einer kleinen Gemeinde Niederbayerns bei Passau, in dem Ort Ortenburg, fand er schließlich mit seiner kranken Frau und seinem vierjährigen Sohn eine neue Aufgabe.

In der Verhandlung des Sondergerichts in Stuttgart wurde Julius von Jan zu 16 Monaten Gefängnis verurteilt. Begründet wurde dieses Urteil mit einem Vergehen gegen den Kanzelparagraphen und gegen das Heimtückegesetz.

Einen Teil der Haft verbüßte Pfarrer von Jan im Gefängnis in Landsberg am Lech. Der Rest wurde ihm auf Bewährung erlassen. Danach wurde er zum Militär eingezogen. Aber man degradierte den Offizier aus dem Ersten Weltkrieg und versetzte ihn in eine Strafkompanie im Osten, die in den gefährlichsten Gebieten eingesetzt wurde.

Es war ein Wunder Gottes, dass Julius von Jan diese schweren Jahre überlebte. Nach dem Krieg wirkte er noch mehrere Jahre in Oberlenningen, dann als Pfarrer in einer stark zerstörten Gemeinde in Stuttgart-Zuffenhausen. Den Ruhestand verbrachte er bis zu seinem Tod im Alter von 67 Jahren in Korntal.

Julius von Jan war ein stiller, treuer Seelsorger, besonders feinfühlig und mit großer menschlicher Güte. Als alle anderen schwiegen, musste dieser demütige Mann reden, - um seines vom Wort Gottes geschärften lauteren Gewissens willen. Wie schwer ihm das fiel, das zeigt der Schluss jener Predigt am Bußtag in Oberlenningen:

Wahre Buße wird das Tor zum glücklichsten Leben schon hier auf Erden. Dieses Bekennen von Schuld, von der man nicht sprechen zu dürfen glaubte, war wenigstens für mich heute wie das Abwerfen einer großen Last.

Gottlob, es ist heraus gesprochen vor Gott und in Gottes Namen. Nun mag die Welt mit uns tun, was sie will! Wir stehen in unseres Herren Hand. Gott ist getreu!

 

Weitere Unterlagen:

 

Ausführliche Predigt                 Augenzeugenbericht                   Eigener Bericht von Pfarrer von Jan